Im Zuge der Flüchtlingskrise wird immer wieder darüber diskutiert, inwiefern wir in manchen Bereichen zu tolerant und nachsichtig mit den hier ankommenden Menschen sind. Im Großen und Ganzen bin ich – im Gegensatz zu einem sehr lauten Teil der Bevölkerung – zufrieden mit dem Gesicht, das wir als Land in den letzten Monaten gezeigt haben. Doch neben einigen kleineren Themen gibt es für mich einen ganz zentralen Punkt, den wir tatsächlich viel zu stark vernachlässigen und der meiner Meinung nach die existentielle Grundlage sein muss, wenn wir es ‚schaffen’ wollen: Die deutsche Sprache. 

Was erst einmal sehr banal klingt, ist für mich – zusammen mit der Akzeptanz unserer Werte & Gesetze – eine absolute Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration, von der wir in keinem Fall abweichen sollten. Während man aber die etwas abstrakte Akzeptanz unserer Werte – beispielsweise die Gleichberechtigung von Mann und Frau – leider nicht verlässlich überprüfen kann, ist das beim Thema Sprache eben möglich. Ja, es gibt sogar feste, europäische Normen, die bei der Beurteilung des jeweiligen Sprachniveaus helfen. Genau diesen Umstand sollten und müssen wir aber auch nutzen.

Seit der Verabschiedung des Integrationsgesetzes im Frühjahr 2016 ist die Teilnahme an Sprach- und Integrationskursen nicht nur verpflichtend, Nicht-Erscheinen ohne wirklichen Grund kann sogar zur Kürzung der monatlichen Zahlungen führen. Ein sinnvoller erster Schritt. Aber er geht – neben der Tatsache, dass der Staat auch das Angebot an Deutschkursen noch weiter ausbauen muss – nicht weit genug. Denn er trägt lediglich dazu bei, dass jene, die keinen großen Wert auf’s Erlernen der deutschen Sprache legen, zwar zum Absitzen der Unterrichtsstunden gezwungen werden, nicht aber zum tatsächlichen Verbessern ihrer sprachlichen Fähigkeiten. Deshalb fände ich es persönlich unglaublich wichtig, dass man hier nachbessert und die Geld- und Sachleistungen auch an das tatsächliche Erlernen der deutschen Sprache knüpft. Und wie oben angedeutet, wäre genau das ja auch tatsächlich möglich. Denn das Modell des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (Sprachklassen A1-C2) bietet dafür die ideale Grundlage. Und mehr noch, es wird im Rahmen der Sprachkurse für Asylbewerber bereits angewendet. So ist es dort jedem möglich, durch das Ablegen der jeweiligen Prüfungen das entsprechende Zertifikat zu erwerben. Der Knackpunkt dabei ist jedoch, dass ein Asylbewerber keinerlei Konsequenzen bei Nicht-Bestehen zu befürchten hat.

Zwar sind aktuell natürlich vor allem Flüchtlinge im Fokus aller öffentlichen Diskussionen. Das Thema des Spracherlernens trifft aber mindestens genauso stark auf eine weitere Gruppe von Menschen zu: EU-Ausländer, die im Rahmen der grundsätzlich zwar richtigen, aber viel zu schnell vollzogenen europäischen Integration beispielsweise aus Rumänien oder Bulgarien den Weg zu uns antreten können, um hier Arbeitsplätze zu finden. Auch hiervon gibt es Menschen in meinem Umfeld. Und die sind noch viel schwieriger einzubinden als all die geflohenen Syrer. Nicht, weil es per se schlechtere Menschen sind, sondern weil diese Gruppe (im positiven Fall) einen Arbeitsplatz hat. Was natürlich erst einmal zu begrüßen ist, führt in der Praxis aber dazu, dass die meisten von ihnen von morgens bis abends ihrem Beruf nachgehen. Meist noch unter weiteren ausländischen Kollegen. Und – im Gegensatz zu den Flüchtlingen – steht hier überhaupt kein verpflichtender Deutschkurs auf dem Plan. Heißt, in der Folge verweilt ein Großteil von ihnen auf einem extrem niedrigen Deutschniveau. Das ist der vorgezeichnete Weg zu Ausgrenzung und möglichen Parallelgesellschaften. Die Praxis bestätigt es (leider).

Bezogen auf die sich im Rahmen der Europäischen Freizügigkeit in Deutschland befindlichen EU-Ausländer wäre im Sinne der Gleichbehandlung natürlich eine europaweite Regelung von Nöten. Darin sehe ich aber keineswegs einen Hinderungsgrund. Ganz im Gegenteil. Meiner Meinung nach sollte jeder, der über einen längeren Zeitraum in einem fremden Land arbeitet, angehalten sein die dortige Sprache zu erlernen. Gerade mit Blick auf den Brexit, der zu erheblichem Maße auch durch die Diskussion um beispielsweise polnische EU-Zuwanderer zustande kam, erscheint es mir sogar sinnvoll, dem Thema der Sprache als Ausdruck der jeweiligen nationalen Identität mehr Bedeutung beizumessen, um so all den unsäglichen Populisten in ganz Europa schon im Voraus die Chance zum Missbrauch dieses Themas zu nehmen.




Wieso ist die deutsche Sprache so wichtig?

Sprache. Das ist soviel mehr als eine Aneinanderreihung von Worten. Es ist Grundlage der zwischenmenschlichen Kommunikation. Des Austauschs. Des Streitens. Des gemeinsamen Herumalberns. Des Kennenlernens. Sie bietet die Chance, Missverständnisse und Interpretationslücken, die Mimik und Gestik gelassen haben, aus der Welt zu räumen oder zu schließen.

Es kommt nicht von ungefähr, dass ‚eine gemeinsame Sprache sprechen’ sinnbildlich dafür steht, mit jemandem einig und auf einer Wellenlänge zu sein. Das muss nicht zwangsläufig die eigene Muttersprache sein, immerhin gibt es gerade heute genügend Freundschaften, ja sogar Partnerschaften, die auf einer gemeinsamen Fremdsprache beruhen. Und das ist auch gut so. Wenn es aber um das Thema der Integration geht, kann es – abgesehen von der Zeit der ersten Aufnahme – keine Abweichung von der Muttersprache der Gastgeber geben. 

Nicht aus Prinzip. Nicht, weil DIE zu UNS kommen und sich ‚gefälligst’ anpassen sollen. Wohl aber, weil die gemeinsame (deutsche) Sprache eine notwendige Schnittmenge ist, die es braucht, wenn man Integration ehrlich und konsequent umsetzen will.

Und es ist eine Frage, die auf ganz vielfältigen Ebenen wirkt. Angefangen bei der Psychologie. Wer nicht die gleiche Sprache spricht, ist fremd. Und was fremd ist, ist schwieriger einzuschätzen und zu fassen. Es ist ungewiss. Und das Ungewisse ist seit jeher der Nährboden für Ängste.

Hinzu kommt die gesellschaftliche Komponente. Selbst wenn eine Gesellschaft, ein Freundeskreis oder ein Sportverein den Willen dazu hat, ist es ihnen nur schwer möglich, Menschen einzubinden, die nicht die gleiche Sprache sprechen. Das führt folglich dazu, dass man trotz im Idealfall vorhandener Sympathie manchmal eben doch von der ein oder anderen Einladung absieht, schlicht weil man vielleicht mal keine Zeit hat Dolmetscher zu spielen. Und auch seitens des Asylbewerbers führt es immer öfter dazu, dass dieser unter Seinesgleichen bleibt, statt sich irgendwo mit Fremdworten abzumühen oder schlimmstenfalls gar nichts zu verstehen. Der erste Schritt zu Parallelgesellschaften und Gruppenbildung.

Doch auch abseits des Privaten spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Wie will ein Mensch, der die Sprache des Landes nicht ausreichend spricht, beruflich Fuß fassen? Er wird immer – wenn er denn überhaupt vermittelt werden kann – in einfachsten Tätigkeitsbereichen eingesetzt sein. Auch wenn das vom besorgten Bürger natürlich immer wieder gerne ins Lächerliche gezogen wird: Es gibt durchaus eine Vielzahl syrischer Ärzte, Ingenieure und anderer Fachkräfte mit Studienabschluss unter den Aufgenommenen. Auch wenn zu dieser Ehrlichkeit natürlich ebenso die Erkenntnis gehört, dass der Anteil derer sicherlich nicht so hoch ist, wie anfangs gehofft, ist das ein Potential, auf dem man aufbauen kann. Aber selbst diese Qualifizierten haben bei aller fachlichen oder intellektuellen Kompetenz ohne die entsprechenden Deutschkenntnisse keinerlei Chancen auf eine berufliche Integration. Und die Tatsache, dass sich Arbeitslosigkeit negativ auf das Selbstwertgefühl und die eigene Widerstandsfähigkeit gegenüber kriminellen Anreizen auswirkt, kennen wir auch nicht erst seitdem wir Ausländer im Land haben. Das kann man auch an jedem deutschen Arbeitslosen beobachten oder so ziemlich jeder Kriminalstatistik entnehmen.

Um sich nun aber mal von der positiven Seite zu nähern: Spricht ein Mensch die gleiche Sprache, dann ist das eine erste und grundlegende Gemeinsamkeit. Und es zeigt seinem Gegenüber, dass er bereit war, sich an die Gesellschaft anzupassen, ein Teil von ihr zu werden und etwas dafür einzubringen. Es bietet die Grundlage dafür, sich besser kennenzulernen und die eingangs erwähnte Eigendynamik kann und wird sich entfalten. Man kann mit dem Gegenüber in Kontakt treten und dem hier ankommenden Menschen auf dieser Basis weitere Werte vermitteln. Man kann ihm sagen, dass dieses oder jenes, was er gemacht hat, gut war. Und noch viel wichtiger: man kann ihm auch sagen, was schlecht war und was sich hier eben nicht gehört. Man kann Witze machen. Und man kann Vorurteile und Missverständnisse aus der Welt räumen, was angesichts der oftmals eher grimmigen Wirkung, die viele arabische Männer in der Wahrnehmung vieler Deutscher haben, ja ebenfalls durchaus sinnvoll ist. Und auch im Beruflichen kann der Fremde seine Fähigkeiten und seinen Intellekt erst dann vollumfänglich einbringen, wenn es seine Sprachkenntnisse zulassen.

Um es auf die Spitze zu treiben, man kann auch herausfinden, wer einem sympathisch und wer schlicht unsympathisch ist. Denn ja, auch solche Flüchtlinge gibt es natürlich. Und darauf aufbauend kann man sich seine Freunde aussuchen. Ganz so wie man es mit deutschen Bekanntschaften ja auch handhabt. Nur so können tiefgreifende gesellschaftliche Verbindungen, Arbeitsverhältnisse, Freundschaften oder sogar Partnerschaften entstehen. Und genau die braucht es für eine umfassende und erfolgreiche Integration.

Beim Lesen dieser Zeilen würde der ein oder andere Sozialverband oder die Parteien des linken Spektrums – ähnlich wie bei der Verabschiedung des Integrationsgesetzes – vermutlich schnell wieder von einem ‚Papier des Misstrauens’ sprechen. Aber Nein. Das ist es nicht. Für mich ist es kein Ausdruck von pauschal unterstellter Lernverweigerung oder Misstrauen. Vielmehr sehe ich in dieser Forderung eine Chance für alle jene, die eine Rolle in dieser Gesellschaft spielen wollen und die deshalb bereits jetzt motiviert ihre Deutschkenntnisse verbessern. Denn denen schadet das Verhalten der sich verweigernden Flüchtlinge am meisten, in dem es negativ auf den gesamten Rest der Gruppe abstrahlt.

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