Vorwort: Angesichts der Tatsache, dass viele Türken hinter der irren Politik Erdogans zu stehen scheinen, läuft man schnell Gefahr das ganze türkische Volk mit der wahnsinnigen Erdogan’schen Politik gleichzusetzen. Aber auch wenn er das heutige Referendum wohl leider gewinnen wird, täten wir gut daran auch hier etwas mehr zu differenzieren und trotzdem nicht alle Türken pauschal in einen Topf zu werfen. Zugegeben: auch wenn das angesichts der scheinbar überwältigenden Mehrheit von Erdogan-Fans (auch unter den hier lebenden Deutsch-Türken) zunehmend schwer fällt.

Dass ein rechtsstaatliches, weltoffenes Bewusstsein im ein oder anderen Land zwar leider weniger stark ausgeprägt ist, es aber nach wie vor keine Frage der ethnischen oder religiösen Herkunft ist, beweist ein Gespräch mit einer noch immer in der Türkei lebenden jungen Türkin, das sich durch einen glücklichen Zufall ergeben hat.

Dachte, euch interessiert vielleicht was ein junger Mensch, der in der Türkei geboren und sozialisiert worden ist, über die erdogan’schen Entwicklungen denkt…

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Frage: Das Verhalten der Erdogan-Regierung war und ist in Deutschland spätestens seit der Nazi-Vergleiche in aller Munde. Und beinahe täglich folgten verrücktere Vorwürfe, die jeder Grundlage entbehren. Wie erlebt man das als türkischer Bürger?

Merve: Tatsächlich ist das definitiv schwer zu sagen, aber wir mittlerweile sind wir diese „Unsinn-Nachrichten“ gewohnt und versuchen sie zu ignorieren. Wir haben uns so sehr geschämt für die Nachrichten mit den zurückgeschickten Kühen oder der verbrannten Frankreich-Flagge, weil seine Anhänger dachten, dass es die Niederlande-Flagge wäre.

Und dieser Vergleich der Ereignisse in Deutschland und den Niederlanden mit dem Nazi-Regime, in Bezug auf die Deportation der Politiker. Das ist natürlich völliger Quatsch. Wenn, muss man wahrscheinlich sagen, dass wir Türken unter Erdogan aktuell eher in einem Nazi-Regime leben. Bei uns herrschen nicht mehr die Gesetze, sondern es regiert eine Atmosphäre des psychischen Drucks, die die Regierung und ihre Anhänger absichtlich entstehen lässt, indem sie im Umgang mit politischen Gegnern Exempel statuiert. Ich weiß nicht, was noch alles passieren wird, wenn er das Referendum gewinnt.

Aber ich muss sagen, dass es in diesem Fall zwei Seiten gibt: auch wenn ich Erdogan oder irgendwelche seiner Politiker nicht mag, hätte ich mir gewünscht, dass die niederländische Polizei einen gewählten Politiker oder die türkische Minderheit anders behandelt.

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Frage: Vielen Deutschen werden die Menschen in der Türkei auch deshalb immer fremder, weil es für uns hier schwer nachzuvollziehen ist, wie man die repressive Politik und das Verhalten Erdogans tatsächlich gutheißen kann. Steht wirklich der Großteil der Türken hinter ihm oder wieso gibt es so wenig Widerstand?

Merve: Ja, die Mehrheit ist noch hinter ihm. Aber trotzdem lange nicht alle Türken, auch wenn das in Deutschland viele Menschen denken. Das Problem ist, dass es keinen fairen demokratischen Wettstreit gibt. Es zeigt sich, dass es nahezu unmöglich ist Flyer, Fahnen oder Kampagnen für ein NEIN zu verteilen, weil alles jederzeit als verboten eingestuft werden kann und Gefängnis droht. Und es gibt keinen guten Oppositionsführer. Sie sind alle zerstritten und geteilt; Die Kurden, die Nationalisten und die linke Fraktion.

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Frage: Das Thema Migration und Flüchtlinge spielt in Deutschland nach wie vor eine wichtige Rolle. In Europa ist kaum ein Land bereit Flüchtlinge aufzunehmen. Erdogan betont dabei immer, dass die Türkei hier vorbildlich handelt. Tatsächlich erscheint Ankara wenigstens bei diesem Thema ein halbwegs anständiges Gesicht zu zeigen. Wie siehst du das?

Merve: Er arbeitet definitiv doppelseitig. Er kümmert sich mit dem EU-Geld um die Flüchtlinge, um sich gut darzustellen. Aber das sollte nicht als ehrliche Hilfe betrachtet werden, denn er verfolgt damit auch innenpolitisch nur eigene Ziele. Ich bin eine ernsthafte humanistische Person, aber Erdogan bevorzugt die Syrer nur, um sie sich als Wähler für die Zukunft zu sichern. Zum Beispiel dürfen Syrer an Universitäten ohne Hochschulzugangsuntersuchung studieren oder bekommen einfach einen türkischen Pass bekommen. Das ist nicht fair.

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Frage: Erdogan wirft Europa gerne vor, dass es in den EU-Beitrittsverhandlungen nicht wirklich aufrichtig war und es einen Beitritt der Türkei nie wirklich wollte. Diesen Vorwurf kann ich durchaus nachvollziehen. Allerdings glaube ich ehrlich gesagt auf der anderen Seite, dass die Unterschiede zwischen der Türkei und Europa sowohl kulturell als auch gesellschaftspolitisch viel zu groß sind. 
Merve: Bei diesem Thema stimme ich ihm zu. Die EU ist meines Erachtens nur eine christliche Geld- und keine Werte-Union. Wie ist es sonst zu erklären, dass Malta, Slowakei und Slowenien hereinlassen wurden, während man die Türkei abblockte? Wenn wir in den 2000er-Jahren über dieses Thema ehrlich gesprochen hätten, muss man sagen, dass der Unterschied nicht so groß war. Aber ja, jetzt ist der kulturelle Unterschied riesig. Als Türkin ist es so schwer für mich, das zu sagen, aber aktuell ist es besser für die EU, wenn sie die Türkei nicht zulassen.

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Frage: Wo siehst du die Türkei in der Zukunft?

Merve: Jede junge Person, die Sie auf der Straße sehen, hat Pläne ins Ausland zu gehen und dort ein neues Leben zu beginnen. Wir würden im Ausland eine Minderheit sein, aber zumindest würden wir aus dieser Diktatur entkommen, die Diskriminierung von sexuellen Präferenzen, Nationen, Religionen und der sogenannten Mauer gegen die Redefreiheit. Erdogan und seine Unterstützer sollten nachdenken und dieser neuen intelligenten, ehrgeizigen, aufgeschlossenen Generation der Türkei, entgegenkommen. Ohne die jungen, gut ausgebildeten Menschen hat nämlich auch seine Türkei keine Zukunft.

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Frage: Gibt es etwas was du den Menschen in Deutschland gerne sagen würdest?

Merve: Ich finde es lustig, dass sich so viele Deutsche über die Deutsche Bahn und ihre Probleme mit Pünktlichkeit beschweren. Weil DB perfekt funktioniert und das für mich keine wirklichen Probleme sind! Ich wünschte wir hätten in der Türkei nur solche Probleme.

Lassen Sie sich nicht von extremen Personen Ihre Gesellschaft zerstören, aber bitte beurteilen Sie nicht alle Türken gleich. Nicht alle stehen hinter Erdogan. Zeigen Sie Toleranz gegenüber Ausländern, seien Sie nicht unhöflich zu ihnen, schätzen ihre Fähigkeit sich anzupassen. Erkennen Sie ihre Potenziale. Es ist so schwer für mich, die Möglichkeiten zur Forschung oder einen Arbeitsplatz zu finden. Obwohl ich schon studiert und zwei Praktikas in Deutschland absolviert habe. Lernen Sie Ihren deutschen/europäischen Pass deshalb zu schätzen. Er bringt Chancen, die ich wahrscheinlich nie haben werde.

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