Zu Beginn direkt eine enttäuschende, bittere Wahrheit: Dieser Text wird keine einzige Lösung aufzeigen. Er soll lediglich einen Gedanken in den Sinn rufen, der meines Erachtens noch immer viel zu kurz kommt.

Wie bei allen bisherigen Wellen ist der gesellschaftliche und politische Reflex der Gleiche: je höher die Zahlen steigen, desto lauter werden die Rufe nach Einschränkungen. Eingebettet wird das gerne in das Narrativ der Verantwortung.

Schon jetzt sind die Fastnacht feiernden Menschen vermeintlich verantwortungslos. Nächste Woche sind Jene unmenschlich, die ihren Geburtstag mit mehr als 20 Leuten feiern. An Weihnachten ist verantwortungslos, wer mit der Familie den Abend verbringt. Und wenn es schlecht läuft, dann sind im Dezember und Januar grundsätzlich alle Menschen verantwortungslos, die sich mit mehr als zwei Freunden treffen.

Freunde und Familie werden abstrakt zu Kontakten. Und die gilt es bekanntlich zu reduzieren.

Soziales Miteinander wird zu Party. Denn auch dagegen argumentiert es sich leichter.

Immer nach dem Motto: „Normal natürlich immer gerne, aaaaber muss das wirklich gerade jetzt unbedingt sein!?“

Dass wir uns am Ende des aktuellen Winters bereits volle zwei Jahre in der Pandemie befinden, wird dabei gerne vergessen.

Ich kenne Menschen, die können – wenn es schlecht läuft – im Frühjahr an ihrem Geburtstag wieder nicht ihre engsten Freunde zusammenbringen. Und das nicht zum ersten Mal. Auch nicht zum zweiten Mal. Nein, zum dritten Mal. 2020, 2021, 2022. Klar, auch das ist verkraftbar, aber es veranschaulicht die Zeiträume über die wir mittlerweile sprechen.

Wenn man darauf hinweist, wird – durchaus zu Recht – die Notwendigkeit des Schutzes von Menschenleben betont. Gegen drohende Todesfälle und gegen das Leben ziehen natürlich jegliche menschliche Aktivitäten den Kürzeren.

Auf den ersten Blick gewinnt in der Abwägung dann also immer das menschliche Leben.

Was wir dabei aber vergessen, eigentlich heißt die Abwägung, die wir als Gesellschaft vornehmen müssen: Leben oder Leben.

Denn ob regelmäßiger Schulbesuch, Treffen mit Freunden, Geburtstags- oder Weihnachtsfeier, Fußballspiel, Seniorensport, Musikunterricht, Tagesausflug, Studium in einer fremden Stadt oder Vereinsarbeit – all das ist ganz normales Leben von Millionen von Menschen. Es macht uns Menschen zu dem was wir sind. Es schafft Erfahrungen und Erinnerungen und beeinflusst unseren Charakter.

Genau deshalb ist eine Pandemie ja so pervers. Sie trifft das Leben in all seinen Facetten.

Doch zurück zur Abwägung: In der einen Waagschale liegt also das Leben von mittlerweile fast 100.000 an Corona gestorbenen Menschen (allein in Deutschland). Hinzu kommt das Leben von all den Menschen, die bedauernswerterweise noch an Corona sterben werden.

In der anderen Waagschale liegt aber eben auch Leben. Nämlich das ganz normale Alltags-Leben von vielen Millionen Menschen. In der 1:1-Abwägung von einem Todesfall zu einer Party muss man nicht lange überlegen. Klar, sagt man die Feier ab, um seine Mitmenschen zu schützen.

Doch was, wenn die Abwägung beispielsweise lautet: 100 Todesfälle versus Schulbildung unserer mehr als 8 Millionen deutschen Schülerinnen und Schüler. Oder 1000 Todesfälle gegen das gemeinsame Weihnachtsfest von vielen Millionen Familien und Freunden.

Ich persönlich kann diese Fragen nicht klar beantworten. Persönlich bin ich jedoch der Ansicht, dass mein einzelnes Leben im Fall der Fälle nicht mehr als all das wert wäre.

Und da unser aller Leben aus so viel mehr besteht, könnte man diese Vergleiche beliebig fortführen.

Die Beispiele sollen zeigen: nicht „Party“ oder „Feierei“ gefährden Leben. Sondern ganz normales Leben gefährdet Leben.

Das macht es so verdammt schwer.

Und genau deshalb bräuchte es endlich einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Diskurs zum ganz grundsätzlichen Umgang mit Corona. Auch wenn diese Debatten definitiv weh tun würden. Denn im Grunde müssen wir eine Frage beantworten: wieviel ist uns das Leben wert? Sowohl das einzelne Menschenleben als auch unser aller gemeinsames, tägliches Leben.

Diesen Diskurs endlich anzustoßen, das wäre meines Erachtens ureigenste Aufgabe von Politik.

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